GEDENKEN

Stolpersteinverlegung ohne Stolpersteine – und warum sie so besonders war

Aber der Reihe nach.

Die Vorarbeit: Aus Namen wurden Biografien

In Broichweiden sollten an drei Stellen insgesamt zwölf Stolpersteine verlegt werden. Im Vorfeld hatten Schülerinnen und Schüler des Heilig-Geist-Gymnasiums (HGG) Würselen tiefgehend recherchiert. Unterstützt wurden sie dabei von Günter Breuer und der örtlichen Geschichtswerkstatt. Was die Jugendlichen dabei zu Tage förderten, waren die menschenverachtenden Geschichten der Ermordung dreier Familien aus Broichweiden.

Am Vorabend der Verlegung führten die Schülerinnen und Schüler des HGG durch einen Informationsabend, bei dem das Stolpersteinprojekt insgesamt dargestellt (www.stolpersteine.eu) und auch die einzelnen Schicksale angesprochen wurden.  

Kurz vor dem offiziellen Termin dann der Dämpfer: Die Stolpersteine waren nicht rechtzeitig mit der Post angekommen und konnten nicht live verlegt werden. Absagen? Nein. Der Termin fand trotzdem statt. Denn beim Gedenken geht es um Menschen, nicht um Messing und Steine.

Starke Worte statt glänzendem Messing

Der Künstler Gunter Demnig, Initiator des weltweiten Projekts, musste krankheitsbedingt passen und wurde von seinem Assistenten Frank-Matthias Mann vertreten. Dieser brachte es zur Eröffnung auf den Punkt: 

Stolpersteine sind Mittel zum Zweck, sie sollen aufrütteln. Das Gedenken steht im Vordergrund.

Der Künstler Gunter Demnig, Initiator des weltweiten Projekts, musste krankheitsbedingt passen und wurde von seinem Assistenten Frank-Matthias Mann (li.) vertreten.

Und das tat es. Nach einleitenden Worten des Schulleiters Christoph Barbier übernahmen die Schülerinnen und Schüler das Wort und stellten die Biografien der ermordeten Broichweidener Familien vor. Barbier betonte:

Durch dieses Projekt wurde Geschichte greifbar, aus Namen wurden Biografien. Uns wurde klar: Unrecht entstand auch hier in Würselen. Das Andenken verpflichtet.

Auch der stellvertretende Bürgermeister Winfried Hahn, der Bürgermeister Roger Nießen vertrat, zeigte sich tief betroffen ob der Schicksale und nahm Bezug auf die Gegenwart: 

Stolpersteine sind nicht nur eine Erinnerung, sondern auch eine Aufforderung wachsam zu bleiben und aktiv für ein respektvolles und friedliches Miteinander einzutreten.“ 

Er dankte den Jugendlichen sowie allen Beteiligten, insbesondere dem betreuenden Lehrer Herrn Ohrndorf, für ihr großes Engagement.

Emotionale Worte der Nachfahren

Besonders ergreifend wurde es, als zwei Nachfahren zu Wort kamen. Einer von ihnen lebt noch heute in Würselen. Der andere, der heute in Israel wohnt, stand im Vorfeld in engem Mailkontakt mit den Schülern und nahm per Livestream an der Veranstaltung teil. Ihre Anwesenheit und ihre Worte machten schmerzhaft deutlich, dass die Narben der Vergangenheit bis in die Gegenwart sichtbar bleiben.

Da die Steine fehlten, konnte die Veranstaltung nicht mit dem gewohnten symbolischen Akt des Einsetzens enden. Stattdessen wurden vorläufig kleine Steine abgelegt – ein Zeichen für Respekt und dass die Verstorbene nicht in Vergessenheit geraten sind. Man verabredete sich, das Versäumte nachzuholen, sobald die Steine da seien.

Als die Teilnehmer die Veranstaltung verließen, herrschte eine fast greifbare Stille. Die Menschen waren sichtlich in sich gekehrt, tief berührt und wachgerüttelt von dem Gehörten.

Stellvertretender Bürgermeister Winfried Hahn zeigte sich tief betroffen ob der Schicksale und nahm Bezug auf die Gegenwart.

Ein Wechselbad der Gefühle

Der Fotograf Matthias Eberius, der den Tag mit seiner Kamera begleitete, fasste das Erlebte später in treffende Worte: 

Liebe Menschen, es war: anrührend, beeindruckend, hart, schön, Hoffnung gebend, bedrückend, grenzwertig, notwendig, sehr gut, dringend, historisch – eine Verlegung ohne Verlegung.

Die Geschichte fand schließlich doch noch unter tatkräftiger Mithilfe des Baubetriebshofes ihr würdevolles Ende: Die vermissten Steine tauchten auf dem Postweg wieder auf. Der Ersatztermin für die physische Verlegung wurde kurzerhand auf den 15. Juni angesetzt. Und auch an diesem Tag ließen es sich viele Gäste nicht nehmen, erneut zu erscheinen, um das Werk der Schülerinnen und Schüler zu vollenden und den Opfern ihren festen Platz in Broichweiden zu geben.

Gelungener Ersatztermin

In Vertretung für Bürgermeister Roger Nießen nahm der stellvertretende Bürgermeister Thomas Havers an der Veranstaltung teil. Zum Gedenken wurden an den drei Verlegestellen zudem Blumen niedergelegt.

Die von den Schülerinnen und Schülern erarbeiteten, tiefgründigen Texte zu den drei Biografien können Sie hier im PDF-Format herunterladen.


Das HGG wird die Steine dauerhaft pflegen und als Anknüpfungspunkt für die Erinnerung an das Geschehene erhalten.

In ganz Würselen sind jetzt 43 Stolpersteine verlegt. 

Weitere Informationen: https://www.wuerselen.de /stolpersteine