Mit einer bewegenden Eröffnung ist am 2. Oktober 2026 die Wanderausstellung „We, the six million – Lebenswege von Opfern der Shoah aus Nordrhein-Westfalen“ in der Pfarrkirche St. Sebastian in Würselen gestartet. In der eindrucksvollen Kulisse der Kirche versammelten sich zahlreiche Besucherinnen und Besucher, um der Opfer der Shoah zu gedenken und ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Die Atmosphäre war geprägt von Respekt, Nachdenklichkeit und dem gemeinsamen Willen, die Erinnerung wachzuhalten.
Pfarrer Gattys: „Würde bedarf unseres täglichen Einsatzes"
Pfarrer Rainer Gattys begrüßte die Gäste und erläuterte, warum die Ausstellung bewusst in der Kirche gezeigt wurde. Er betonte, dass das Thema aktueller denn je sei, und stellte zugleich einen persönlichen Bezug zur Ausstellung her.
In seinen Ausführungen warnte Gattys vor einer schleichenden Aushöhlung demokratischer Werte. Eine freiheitliche Gesellschaft gerate dort in Gefahr, wo Menschen aus Angst schwiegen und nach erschütternden Nachrichten zu schnell zur Tagesordnung übergingen.
Gattys betonte:
Ich gehöre zu der glücklichen Generation, die ein Leben ohne Krieg erleben durfte, doch eine freiheitliche Welt stirbt schon, bevor die Demokratie abgeschafft wird. Sie verschwindet dort, wo Politiker sich nicht mehr trauen, ihre Meinung zu sagen, weil sie Angst um ihr Leben haben.
Sein eindringlicher Appell lautete: „Würde bedarf unseres täglichen Einsatzes.“
Bürgermeister Nießen: „Menschen dürfen keine Zahlen werden"
Bürgermeister Roger Nießen, der die Schirmherrschaft für die Ausstellung übernommen hatte, dankte Pfarrer Gattys für dessen mahnende Worte und rief dazu auf, Haltung zu zeigen und die Stimme zu erheben, wo es notwendig ist:
Nehmen Sie sich Zeit, lesen Sie Namen, Schicksale. Jeder Einzelne der sechs Millionen hatte einen Namen und eine Geschichte, ein Zuhause. Das dürfen wir nicht vergessen.
Projektleiterin stellt Ausstellung vor
Projektleiterin Janine Gielis führte in die Ausstellung ein und erläuterte deren Konzept. Die Wanderausstellung macht individuelle Lebensgeschichten sichtbar und richtet den Blick bewusst auf die einzelnen Menschen – auf ihre Familien, Berufe, Hoffnungen und Lebenswege sowie auf das, was ihnen durch die nationalsozialistische Verfolgung genommen wurde.
Im Anschluss an die Eröffnung hatten die Gäste Gelegenheit zu Begegnung, Austausch und einem Rundgang durch die Ausstellung. Die Projektleiterin stand für Fragen und Gespräche zur Verfügung.
Musikalische Gestaltung durch das Heilig-Geist-Gymnasium
Die Eröffnung wurde musikalisch begleitet von Orchester-Mitgliedern des Heilig-Geist-Gymnasiums mit Klezmer-Musik und Musik aus „Schindlers Liste“. Es musizierten Marcella Mathieu (Violine), Lars Franzen (Kontrabass) und Martin Busch (Klarinette und Klavier).
Besuche von Schulen und Jugendgruppen
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Ansprache von Schulen und Jugendgruppen. Mehrere Klassen und Kurse weiterführender Schulen besuchten die Ausstellung. Auch Messdienergruppen aus Würselen und den benachbarten Städten nutzten die Möglichkeit, sich mit den Biografien jüdischer Menschen aus der Region und den Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.
Die Resonanz war ausgesprochen positiv. Bei Führungen und anschließenden Gesprächen entwickelten sich zahlreiche intensive und erkenntnisreiche Begegnungen. Die Besucherinnen und Besucher zeigten großes Interesse an den persönlichen Lebensgeschichten und den historischen Zusammenhängen. Damit wurde die Ausstellung auch für junge Menschen zu einem wichtigen Ort der Begegnung, des Lernens und der gemeinsamen Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und Antisemitismus.
Führungen und pädagogische Gespräche für Schulklassen und andere Gruppen konnten im Vorfeld vereinbart werden.
Bewegendes Rahmenprogramm im Ausstellungszeitraum
Das begleitende Veranstaltungsprogramm bereicherte die Ausstellung „We, the six million“ um unterschiedliche Perspektiven auf jüdisches Leben, Erinnerungskultur, Geschichte, Religion und Kunst.
Den Auftakt bildete am 7. Oktober der Vortrag „Jüdisches Leben – auch in Würselen“ von Gabriele Eichelmann und Rolf Rüland. Neben allgemeinen Informationen zu Christentum, Islam und Judentum sowie den Bedingungen jüdischen Lebens in Deutschland im Laufe der Geschichte standen exemplarisch die Lebensgeschichten zweier jüdischer Familien über einen Zeitraum von 100 Jahren im Mittelpunkt, die sowohl gesellschaftliche Integration und Anerkennung wie auch während der Zeit des Nationalsozialismus Entrechtung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung kannten. Historische Fotografien, Stammbuchauszüge und weitere originale Belege machten die teils dramatischen Biografien anschaulich. Angehörige waren eigens für den Vortragsabend aus Zürich angereist.
Am 9. Oktober setzte der Würselener Musiker und Komponist Harald Claßen mit seinem einstündigen Konzert „Unikate – Musik, die im Augenblick entsteht“ einen besonderen musikalischen Akzent. Eigene Kompositionen und freie Improvisationen verbanden sich mit der Atmosphäre des Kirchenraums und einzelnen Kirchenliedern. Die Musik entstand teilweise unmittelbar aus dem Moment heraus und berührte das Publikum tief. Einige Gäste nutzten die besondere Atmosphäre, um während des Konzerts die Ausstellung zu betrachten. So wurden Erinnerung und Gegenwart auf eindrucksvolle Weise miteinander verbunden.
Den Abschluss bildete am 15. Oktober der Vortrag „Die Macht der Bilder – antijüdische Kunst in Kirchen“ von Pfarrer Wolfgang Bussler vom Verein für Christliche Kunst im Erzbistum Köln und Bistum Aachen e. V. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie antijüdische Bildsprache in kirchlichen Kunstwerken entstanden ist, welche Wirkung sie entfalten konnte und wie mit solchen Darstellungen heute verantwortungsvoll umgegangen werden kann.
Große Resonanz und nachhaltige Wirkung
Die von der Stadt Würselen, dem Jüdisch-Christlichen Arbeitskreis und der Volkshochschule Nordkreis Aachen organisierte Ausstellung war eine große Bereicherung und stieß bei den Besucherinnen und Besuchern auf ausgesprochen positive Resonanz. Mit Vorträgen, historischen Quellen, Musik und pädagogischen Angeboten eröffnete das Rahmenprogramm vielfältige Zugänge zur Ausstellung. Es machte jüdische Lebensgeschichten sichtbar, regte zur kritischen Auseinandersetzung mit religiös geprägten Bildern und Vorurteilen an und schlug eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Pressesprecherin Miriam Stickelmann zieht ein positives Fazit:
Die große Resonanz hat gezeigt, wie wichtig Orte des Erinnerns und des gemeinsamen Austauschs sind. Dass die Ausstellung viele Menschen berührt und zum Nachdenken über unsere Verantwortung in der Gegenwart angeregt hat, ist ein großer Erfolg. Unser Dank gilt allen Beteiligten, die dieses Projekt ermöglicht und begleitet haben.
Projektleiterin Janine Gielis betont:
Es war eine sehr schöne Zeit in der Kirche St. Sebastian. Besonders gefreut hat mich, dass wir so viele Schulklassen durch unsere Wanderausstellung führen konnten und dass die verschiedenen Veranstaltungen so gut angenommen wurden. Vielen Dank an alle, die dies ermöglicht und unterstützt haben.
Damit leistete die Ausstellung einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur und zur Auseinandersetzung mit der Verantwortung für die Gegenwart.
Informationen zur Wanderausstellung „We, the six million“
Die Wanderausstellung „We, the six million“ kann auch weiterhin von Schulen und anderen Einrichtungen gebucht werden. Das Projekt freut sich über die Zusammenarbeit mit Schulen, Vereinen und weiteren Organisationen in Würselen und Umgebung. Weitere Informationen zur Ausstellung und zu den Möglichkeiten einer Zusammenarbeit finden Interessierte unter www.wethesixmillion.com.
