MORLAIX

50 Jahre gelebte Freundschaft: Würselen und Morlaix feiern bewegendes Jubiläumswochenende

Der Festumzug zum Jubiläum der Städtepartnerschaft (v.l.n.r.): Jonas Plusquellec (Bürgermeister von Saint-Martin-des-Champs), Martin Schulz, Bürgermeister Roger Nießen, Sandrine Autret (stellvertretende Bürgermeisterin von Saint-Martin-des-Champs), Jean-Paul Vermot (Bürgermeister von Morlaix), Guy Pennec (Bürgermeister von Plourin-lès-Morlaix).


Ein halbes Jahrhundert Freundschaft über Grenzen hinweg: Mit einem bewegenden Festwochenende haben Würselen und die bretonische Partnerstadt Morlaix das 50-jährige Bestehen ihrer Städtepartnerschaft gefeiert. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger hießen die französische Delegation herzlich willkommen und erlebten Tage voller Begegnungen, die eindrucksvoll zeigten, was diese Partnerschaft ausmacht: gelebte Freundschaft zwischen Menschen.

Ein Programm voller Begegnungen

Bereits seit Dienstagabend waren die französischen Gäste in Würselen und der Region unterwegs: Sie besuchten das Dreiländereck, die Stadt Aachen mit dem Dom, die Eifel, Vogelsang und das historische Monschau sowie Maastricht in den benachbarten Niederlanden. 

Bei den Bardenberger Pfadfindern gab es Reibekuchen mit Apfelkompott – „gebratene Kartoffeln mit Apfelkompott sprechen offenbar eine Sprache, die Deutsche und Franzosen gleichermaßen verstehen“, wie Bürgermeister Roger Nießen augenzwinkernd feststellte. 

Unter dem Motto „Musik verbindet“ hatte die Stadt Würselen anlässlich des Goldenen Jubiläums der Städtepartnerschaft zum Konzertabend in die Stadthalle eingeladen. Nach einem geselligen Apéro-Rencontre, den rund 300 Gäste zum Austausch nutzten, zeigte das 50-köpfige Orchester des Heilig-Geist-Gymnasiums unter der Leitung von Martin Busch sein Können – mit verdientem, minutenlangem Applaus und Tränen der Rührung. 

Die gemeinsame Eröffnung der Karikaturen-Ausstellung zur deutsch-französischen Freundschaft „La caricade franco-allemande“ im Alten Rathaus rundete das vielseitige Programm der ersten Tage ab.

Am Samstag stand dann Würselen selbst im Mittelpunkt: Von Broichweiden bis Bardenberg, vom Kirchturm St. Sebastian mit dem „Düvel“ über den Morlaixplatz mit dem „Brunnen von Morlaix“ bis zum Forschungsflugplatz Würselen-Aachen auf Merzbrück entdeckte die französische Reisegruppe ihre Partnerstadt, erfuhr spannende Fakten und lernte die ein oder andere unterhaltsame Anekdote kennen. Als Geschenk der Stadt gab es einen Würselen-Beutel, eine Postkarte mit Kuli und den Jubiläums-Pin „50 Jahre Würselen – Morlaix“.

Festumzug begeisterte die Würselener Innenstadt

Den festlichen Höhepunkt bildete am Samstag ein Umzug durch die Würselener Innenstadt. Begleitet von Samba-Klängen zogen Abordnungen und Standartenträger der Würselener Vereine und Gesellschaften gemeinsam mit den Ehrengästen aus Morlaix und Würselen über die Kaiserstraße zur Stadthalle. Viele Bürgerinnen und Bürger säumten die Straßen, um die Festgesellschaft zu begrüßen und die Gäste aus der Bretagne willkommen zu heißen. 

Festumzug zum Jubiläum
© Matthias Eberius

Bei strahlend blauem Himmel wurde der Umzug für die zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauer zu einem besonderen Erlebnis. Vor der Stadthalle stellten sich die Abordnungen zu einem Spalier auf und empfingen die Ehrengäste auf ihrem Weg zum Haupteingang. 

Festabend mit emotionalen Momenten

Im Anschluss an den Festumzug waren die Mitglieder und Freunde der Partnerschaftskomitees beider Städte sowie zahlreiche Ehrengäste zu einem Festabend eingeladen. Die Veranstaltung hatten die Stadt Würselen und die Deutsch-Französische Gesellschaft als Zeichen der Wertschätzung für das langjährige Engagement der Aktiven organisiert. Bei bester Stimmung und bewegenden Worten erlebten die Gäste einen emotionalen Festabend. 

Ellen Thielen und Bürgermeister Roger Nießen am Festabend.
© Stadt Würselen

Bürgermeister Roger Nießen fand dabei eindrucksvolle Worte für das, was an diesem Abend spürbar war:

Wenn ich heute Abend in diesen Saal schaue, dann sehe ich etwas, das man nicht beschließen kann. Und das auch nicht automatisch entsteht, nur weil zwei Bürgermeister irgendwann einmal ihre Unterschrift unter eine Urkunde gesetzt haben. Ich sehe Freundschaft. 50 Jahre Freundschaft bestehen eben nicht aus 50 Jahreszahlen. Sie bestehen aus tausenden kleinen Geschichten, aus gemeinsamer Zeit. Aus Abschieden und gleichzeitiger Vorfreude aufs Wiedersehen.

Ein Versprechen über den Tod hinaus

Besonders emotional wurde es, als ein ganz besonderes Geschenk überreicht wurde: Der Würselener Künstler Albert Sous hatte 2022 versprochen, eine Miniatur des „Brunnens von Morlaix" – einem der wichtigen Wahrzeichen der Stadt – nach Morlaix zu bringen. Nachdem Albert Sous kürzlich im Alter von 91 Jahren verstorben war, war es nun seine Frau Susi, die dieses Versprechen anlässlich des Partnerschaftsjubiläums stellvertretend für ihren Mann erfüllte.

Roger Nießen und Susi Sous überreichen das Modell des "Brunnen von Morlaix" an Jean-Paul Vermot.
© Matthias Eberius

Susi Sous, zusammen mit Bürgermeister Roger Nießen, beim Überreichen des besonderen Geschenks an Jean-Paul Vermot, Bürgermeister von Morlaix.

Dazu Bürgermeister Roger Nießen:

Der Brunnen von Morlaix ist am Ende viel mehr als ein Abbild unseres Wahrzeichens. Er erzählt eine Geschichte. Die Geschichte von Albert und Susi Sous – von Würselen und Morlaix. Und die Geschichte einer Freundschaft, die über Lebzeiten hinaus Bestand hat
Die Gäste aus Morlaix am Festabend.
© Matthias Eberius


Der Bürgermeister richtete seinen Blick auch in die Zukunft: 

Wir wissen nicht, wer im Jahr 2076 hier stehen wird, wenn Würselen und Morlaix 100 Jahre Städtepartnerschaft feiern. Aber ich wünsche mir, dass die Menschen dann auf uns zurückblicken und sagen: Sie haben diese Freundschaft nicht nur geerbt, sondern weitergetragen.

Freundschaft als Fundament Europas

Jean-Paul Vermot, Bürgermeister von Morlaix, zeigte sich tief bewegt und betonte die fundamentale Bedeutung solcher Partnerschaften – in deutscher und französischer Sprache:

Unsere beiden Länder wissen, was Krieg bedeutet. Welche Wunden er hinterlässt. Verträge reichen nicht aus, damit Völker zusammen sind. Es braucht Austausch, Treffen. Nachdem der Krieg auf den europäischen Kontinent zurückgekehrt ist, zeigt uns das, dass Frieden weitergegeben werden muss.
Jean-Paul Vermot, Bürgermeister von Morlaix
© Matthias Eberius


Vermot erinnerte auch an die gemeinsame Geschichte beider Nationen: "Wir Franzosen sollten nicht vergessen, von wem wir unseren Namen haben: Franken. Unser Name geht auf germanische Vergangenheit zurück." Und mit einem Augenzwinkern auf das Wappen der Stadt Morlaix fügte er hinzu: "Wenn die Menschen in Würselen gebissen werden, sind die Menschen aus Morlaix da und beißen zurück!"

Als Festredner würdigte Martin Schulz, Ehrenbürger der Stadt Würselen, früherer Bürgermeister und ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments (2012-2017), die besondere Kraft der Städtepartnerschaft. Er, der die Freundschaft zwischen beiden Städten von Anfang an mitgestaltet hatte, fand eindringliche Worte und kam wie gewohnt ohne Dolmetscher aus, da er beide Sprachen fließend spricht: "Ich habe das Privileg gehabt, zu erleben, was zwischen den beiden Städten passierte – auch international. Das erwähne ich deshalb, weil es einen Riesenunterschied gibt zwischen dem, was sich Leute in Regierungen ausdenken, was für ihre Leute gut wäre, zu dem, was die Menschen auf der kleinen Ebene erleben." 

Schulz betonte die Einzigartigkeit der deutsch-französischen Freundschaft: "In den 50 Jahren sind die deutsch-französischen Beziehungen immer besser geworden. Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ist nicht mehr möglich – impossible. Das würde keiner glauben." Und mit Blick auf die Bedeutung von Städtepartnerschaften sagte er: 

Wir sind Freunde – wenn die Menschen an der Basis sich so begegnen wie wir, dann ist der Krieg unmöglich. Das ist die Idee Europas.

Schulz erinnerte auch daran, dass die Bürgermeister, die 1976 die Partnerschaftsurkunde unterzeichneten, selbst noch Kriegserfahrungen gemacht hatten:

Sie haben uns ein Geschenk gemacht. Hass und Vorurteil, das waren die Dämonen des 20. Jahrhunderts. Wir haben diese Dämonen gebannt durch die Idee von Europa. Wenn wir das vergessen, sind die Dämonen wieder da. Unsere Kinder sollen keine Kriegserfahrungen machen müssen, deshalb müssen wir an Europa festhalten. Die Städtepartnerschaft ist die aktive Friedenspolitik für die nächste Generation.

Harald Claßen begleitete den Festabend musikalisch und setzte mit gefühlvollen Saxophonklängen zwischen den Redebeiträgen besondere Akzente.

Symbolische Geschenke der Freundschaft

Ellen Thielen-Vafaie, Vorsitzende der Deutsch-Französischen Gesellschaft Würselen e. V., würdigte in ihrer Ansprache die zahlreichen Menschen, die sich seit Jahren für die deutsch-französische Freundschaft engagieren. Als Zeichen der Verbundenheit überreichte die DFG der Stadt Morlaix und dem Pays de Morlaix ein Schaf aus der Blauen Friedensherde – ein Symbol für Frieden und Gemeinschaft.

Die DFG schenkt ein blaues Schaf aus der Friedensherde - ein Symbol für Frieden und Gemeinschaft.
© Stadt Würselen

Würselen überreichte den Gästen aus Morlaix ein blaues Schaf aus der Friedensherde.

Auch Jean-Claude Le Bars, Präsident des Partnerschaftskomitees Morlaix-Würselen, richtete Grußworte an die Anwesenden. Er betonte, wie wichtig persönliche Begegnungen für das Fortbestehen und die Weiterentwicklung der Städtepartnerschaft sind.

Der gegenseitige Austausch von Geschenken verlieh der Verbundenheit beider Städte sichtbaren Ausdruck. Würselen überreichte ein blaues Schaf aus der Friedensherde, das für Frieden, Versöhnung und die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft steht.

Im Gegenzug brachten die Gäste aus der Bretagne besondere Präsente von ortsansässigen Künstlern mit, darunter ein kunstvoller, handbemalter Porzellanteller und eine imposante Installation aus Holz mit dem Titel „TRACE ASAMBLES de l’unité à l’ensemble“ – „TRACE ASAMBLES von der Einheit zum Ganzen“. Die zentrale Idee des Künstlers Jérôme Plouzen alias GZILO: Am Anfang steht die Spur, frz. la trace, wobei das finale Werk die Einzigartigkeit der einzelnen Elemente nicht auslöscht, sondern sie vielmehr verbindet und in eine neue Komposition integriert, in der das Ganze mehr wird als die Summe seiner Teile. Treffender kann man eine Städtepartnerschaft wohl kaum beschreiben, da waren sich die Würselenerinnen und Würselener sicher.

Beide Geschenke werden künftig in Würselen an die tiefe Freundschaft zwischen beiden Städten erinnern und zeigen, dass Kunst und Kultur verbindende Elemente über Landesgrenzen hinweg sind.

Europa beginnt vor der Haustür

Bürgermeister Nießen betont:

Europa entsteht nicht nur in Brüssel oder Straßburg. Europa entsteht auch in Würselen und Morlaix – wenn Familien ihre Gästezimmer für Freunde herrichten. Wenn Jugendliche und Feuerwehren einander begegnen. Wenn Vereine gemeinsam feiern. Wenn aus einem ersten Besuch ein zweiter wird – und irgendwann eine Freundschaft fürs Leben.

Dank an die Gestalter der Freundschaft

Der Festabend war auch Gelegenheit, all jenen zu danken, die diese Partnerschaft mit Leben füllen: Heinz Paffen, der den Festumzug ehrenamtlich organisiert hatte, den Bardenberger Pfadfindern, die die Gäste mit Reibekuchen empfangen hatten und außerdem bei der Herrichtung der Stadthalle geholfen haben, Ellen Thielen-Vafaie, Jean-Claude Le Bars und Andrea Weidenhaupt, die sich um die Organisation und die Abläufe kümmerten, sowie zahlreichen Gastfamilien, Vereinen, Schulen und ehrenamtlich Engagierten für ihren Beitrag zur Jubiläumswoche. Besonderer Dank galt Miriam Stickelmann und ihrem Team aus der Stadtverwaltung.

Goldene Jubiläumsmedaille „50 Jahre Würselen und Morlaix“

Martin Schulz erhielt die Goldene Jubiläumsmedaille „50 Jahre Würselen und Morlaix" für sein besonderes Engagement und seine tiefe Verbundenheit zur Städtepartnerschaft. Bürgermeister Nießen würdigte ihn mit den Worten: 

Unser Jubiläumslogo zeigt vier Puzzleteile mit den Wahrzeichen und Stadtwappen von Würselen und Morlaix. Jedes Teil hat seine eigene Identität. Keines ersetzt das andere – aber gemeinsam ergeben sie ein Ganzes. Das ist ein wunderbares Bild für unsere Freundschaft. Und für Europa. Lieber Martin, du bist ein wichtiges Puzzleteil in der Geschichte unserer Städtepartnerschaft. 

Die Medaille wurde während der Jubiläumsreise im Mai und auch an diesem Festabend an weitere im Rahmen der Städtepartnerschaft Engagierte verliehen.

Eintrag in das Goldene Buch der Stadt

Im Anschluss trugen sich die Bürgermeister aus dem Pays de Morlaix – neben Jean-Paul Vermot auch Guy Pennec (Plourin-lès-Morlaix), Jonas Plusquellec (St.-Martin-des-Champs) und Sandrine Autret – sowie die Ehrengäste in das Goldene Buch der Stadt Würselen ein.

Die Ehrengäste tragen sich in das Goldene Buch der Stadt Würselen ein.
© Stadt Würselen


Ein Abend zum Genießen

Wie bereits während der Jubiläumsreise im Mai versprochen, gab es an dem Abend leckere Currywurst, zubereitet vom Mensa-Verein, als süßes Dessert durften Aachener Fläden nicht fehlen – beides wurde dankend von den Gästen angenommen. Für Stimmung im Anschluss sorgte das Duo Leger. Die Gäste nutzen die Gelegenheit, die Woche gemeinsam ausklingen zu lassen und sich mit Vorfreude auf das nächste Wiedersehen herzlich zu verabschieden. So war der Festabend ein würdiger Rahmen für ein Jubiläum, das vor allem eines zeigte: 50 Jahre Freundschaft sind kein Selbstläufer, sondern das Ergebnis von tausenden Begegnungen, unzähligen persönlichen Geschichten und dem festen Willen, Brücken zu bauen, statt Mauern.

Merci beaucoup et au revoir!